Startseite/Glossar/Pull-Prinzip
Glossar3 Min.

Pull-Prinzip

Sie wissen danach, wie Materialabruf nach Bedarf funktioniert, welche Voraussetzungen er braucht und wo seine Grenzen liegen.

Von Manuel Rutsch · Stand: 9. Oktober 2026

Was mit Pull gemeint ist

Beim Pull-Prinzip wird Material erst dann geliefert oder bereitgestellt, wenn der nächste Arbeitsschritt es anfordert. Der Bedarf zieht das Material durch die Kette, statt dass Lieferanten es nach eigenem Plan auf die Baustelle drücken. Der Begriff stammt aus der Produktion und ist ein Kernbaustein von Lean Construction.

Auf der Baustelle heißt das konkret: Die Trockenbaukolonne im vierten Obergeschoss meldet, dass sie übermorgen die Ständerwerke für die nächste Wohnung braucht. Erst auf diese Meldung hin wird die Lieferung avisiert, angenommen und bis vor die Einbaustelle gebracht. Im Lager und im Geschoss liegt nur, was in Kürze verbaut wird.

Pull und Push im Vergleich

MerkmalPushPull
Auslöser der LieferungBestellplan, Mengenrabatt, LieferantenterminAbruf aus dem Arbeitsfortschritt
Bestand auf der Baustellehoch, oft für Wochenniedrig, für Tage oder Stunden
Flächenbedarfgroßes Lager, Zwischenlager im Geschosskleine Puffer an festen Plätzen
RisikenSchäden, Diebstahl, Umlagern, SuchzeitenStillstand, wenn Abruf oder Lieferung versagt

In der Praxis ist selten eine Baustelle rein Pull oder rein Push. Großmengen wie Bewehrung oder Mauersteine werden oft in Chargen geliefert, der Feinabruf in die Geschosse folgt dann dem Bedarf. Das sinnvolle Maß ergibt sich aus Lieferzeit, Lagerfläche und Wert des Materials.

Voraussetzungen auf der Baustelle

  • Eine verlässliche Kurzfristplanung, etwa nach dem Last Planner System oder einer Taktplanung.
  • Ein fester Abrufweg: Wer meldet, bis wann, über welches Formular oder welche Anwendung.
  • Zuverlässige Lieferanten mit bekannten Vorlaufzeiten und Avis.
  • Kleine, festgelegte Bereitstellflächen je Abschnitt statt freier Ablage.
  • Personal, das angenommenes Material ohne Umweg zur Einbaustelle bringt, zum Beispiel über eine Etagenverteilung.

Ein bewährtes Werkzeug ist eine Kanban-Logik: Ist ein Stellplatz im Geschoss leer, ist das das Signal für Nachschub. Das funktioniert besonders gut bei Kleinteilen, Befestigungsmaterial und Verbrauchsgütern.

Grenzen und typische Fehler

Pull scheitert, wenn Abrufe zu spät kommen oder Lieferzeiten unterschätzt werden. Bei Sonderanfertigungen wie Fassadenelementen, Fenstern oder Aufzugstechnik lassen sich lange Fertigungszeiten nicht durch kurzen Abruf ersetzen. Hier wird früh bestellt und nur der Liefertermin dem Bauablauf nachgeführt, oft als Just-in-time-Lieferung.

Ein typischer Fehler ist, das Lager abzuschaffen, ohne den Abrufweg zu klären. Dann warten Kolonnen auf Material, und der Vorteil verkehrt sich ins Gegenteil. Ebenso hinderlich: Abrufe per Zuruf, die niemand dokumentiert. Wie Materialströme insgesamt geplant werden, erklärt der Ratgeber Materialfluss auf der Baustelle. Baulogistik Nord stellt auf Wunsch Logistikkoordinatoren, die Abrufe bündeln und die Verteilung in die Geschosse übernehmen.

Fragen zum Begriff

Ist Pull dasselbe wie Just-in-time?

Nicht ganz. Pull beschreibt, wer die Lieferung auslöst, nämlich der Bedarf. Just-in-time beschreibt den Zeitpunkt, also die Ankunft kurz vor dem Einbau. Beides wird oft kombiniert.

Lohnt sich Pull auch auf kleinen Baustellen?

Ja, wenn die Lagerfläche knapp ist oder Material häufig beschädigt wird. Schon ein einfacher Abruf mit fester Vorlaufzeit für die wichtigsten Gewerke spart Umlagern und Suchen.

Wer ist für den Abruf verantwortlich?

Meist der Vorarbeiter oder Polier des Gewerks in Abstimmung mit der Logistikkoordination. Wichtig ist, dass die Zuständigkeit schriftlich in der Baustellenordnung oder im Logistikkonzept steht.

Verwandte Begriffe und Ratgeber